Mondbrand und Milchwurst

Vincent am Mittwoch vom Flughafen abzuholen war irgendwie surreal. Es war doch schon wieder über ein Jahr her, dass ich ein vertrautes Gesicht in allen drei Dimensionen vor mir hatte. Die Euphorie besiegte den Jetlag und wir verloren keine Zeit, uns noch am selben Abend auf den hektischen Highways gen Osten zu schieben. Raus aus der Stadt, ab in die Wildnis! Nach einem Orga-Tag (Sortieren, Einkaufen, Planen…) stand die grobe Route fest: Einen schönen Kringel durchs Land bis nach Reno fahren, wo Ende des Monats der Burning Man stattfindet, danach die Westküste hinunter nach Mexiko.

Unser erstes Ziel war damit der berühmte Yosemite Nationalpark, welcher östlich von San Francisco in den Sierra Nevada Mountains eingebettet ist. Die Einfahrt ins Valley war wirklich unfassbar schön! Bei dem malerischen Ausblick war es schwer, sich auf die kurvige Straße zu konzentrieren. Unten im Tal trafen wir dann allerdings auf Menschenmassen, wie ich sie wirklich noch nie zuvor in einem Nationalpark gesehen habe. Es war wohl auch nicht sehr klug von uns, ausgerechnet am Wochenende in der Hauptsaison dorthin zu fahren. Lange Staus und Würste aus Menschen auf asphaltierten „Wanderwegen“ waren nur die Spitze des so herrlich metaphorischen Eisberges. Der Yosemite Nationalpark ist in so ziemlich allen Belangen ein organisatorisches Armutszeugnis: Verkehrsführung, Parken, Beschilderung, Permits - es ist alles unbegreiflich schlecht geregelt. Nach einer Nacht Wildcampen und einer genervt abgebrochenen Wanderung fuhren wir daher so schnell es ging wieder aus dem Yosemite Valley heraus. Wir entschieden uns gegen Kings Canyon / Sequioa NP und fuhren auf der Route 120 weiter in Richtung Osten. Auf der Strecke über den Tioga Pass besserte sich unsere Laune schlagartig: Tolle Ausblicke, kaum Verkehr und eine wilde Herde Rehe auf der anderen Seite eines idyllischen Flusses. So kann es weitergehen! Unser Fazit zum Yosemite NP ist aber eher enttäuschend. Es ist das perfekte Beispiel für einen malerisch schönen, einzigartigen Ort, der durch Fotowütige Menschenmassen und absolutes Mismanagement ins Gegenteil gekehrt wurde.

Bei einem kurzen Stop in Lee Vinning besorgte sich Le Vince natürlich erstmal eine Angel. Irgendwer muss ja das Essen auf den Tisch bringen! Beim Gespräch mit dem ulkigen Verkäufer über unsere geplante Route musste dieser laut lachen: „There are no trouts in death valley, boys.“ Wir campten wild irgendwo im Hinterland, badeten in jedem Tümpel den wir finden konnten und spielten jede Menge Boule, welches Winnibert aus Deutschland mitgeschleppt hatte. 3 Kilo, pfff. Vor allem in der Wüstenähnlichen Landschaft bei Lake Crowley, wo wir irgendwo im Sand an einem Wasserlauf campten, hatten wir damit jede Menge Spaß. Bestes Terröörium! Der Aufenthalt wurde zudem mit Hacknudeln und Pancakes meisterlich verfeinert.

Bei Big Pine tankten wir schließlich noch einmal voll und besorgten einige Vorräte - unter anderem knapp 50 Liter Wasser wurden ins Auto getetrist. Dort begann nämlich unsere abenteuerliche Fahrt in den wilderen, nördlichen Teil des Death Valleys. Unser Ziel, die Eureka Dunes, war schon zwei Stunden vor Ankunft deutlich zu sehen. Die gigantischen Sanddünen sind in einem weiten, kargen Tal gelegen und nur über eine unbefestigte Straße erreichbar. Dort waren wir schließlich ganz alleine und blieben einen ganzen Tag, um diesen fantastischen Ort zu verinnerlichen.

Nachts kletterten wir auf die Spitze der größten Düne, was etwa eine halbe Stunde gedauert hat. Der feine Sand gibt in der Bewegung einen merkwürdigen Sound von sich, was als „Singen“ der Dünen bezeichnet wird. Obwohl der Mond nichtmal halbvoll war hatte er genug Kraft, uns regelrecht zu blenden. Es ist kaum in Worte zu fassen, wie genial dieser Ort war. Alleine in einem lebensfeindlichen Tal auf der Spitze eines gigantischen Sandhaufens im Sand liegen und in den Himmel schauen - klingt nicht sonderlich toll, war es aber. Vincent war ebenso überwältigt und konnte den Kontrast zu seinem Alltag vor einer Woche noch nicht so ganz begreifen. Wir blieben für einige Stunden dort oben und hatten gute Gespräche. Irgendwann gab es dann eine Art Monduntergang und der Sternenhimmel entfaltete seine volle Pracht. Da kann dann sogar Australien nicht mithalten: Null Luftfeuchtigkeit, null Licht und eine erhöhte Postion - besser geht es einfach nicht. Die komplette Milchstraße war von einem Horizont bis zum Anderen klar erkennbar, wie eine gigantische Lichtwurst die den gesamten Himmel bedeckt. Zudem gab es mehrere Sternschnuppen pro Minute! Es war wirklich so ziemlich der beste Ort und der beste Moment meiner Reise bisher.

Tagsüber hieß es dann einfach nur Überleben. Schatten gab es nicht und das Eis aus dem Kühler hatte sich längt in warme Plörre verwandelt. Viel mehr als Rumliegen konnte man da nicht machen! Abends gönnten wir uns eine improvisierte Dusche aus Seewasser, welches Vincent in einem der Badetümpel in Plastikflaschen gefüllt hatte. Danke Vincent. Unser Plan, eine weitere Nacht auf der Düne zu verbringen, wurde von starkem Wind durchkreuzt. Sand peitschte in alle Ritzen (wirklich alle Ritzen…) und auch meine Digitalkamera fiel dem Sand zum Opfer. Sollte ich sie nicht repariert kriegen gibt es von nun an also nur noch Handybilder! Wir beschlossen, die kühleren Abendstunden stattdessen zu nutzen, um ein wenig weiter Richtung Süden zu fahren.

 

Die nächtliche Fahrt im Eureka Valley war ein wenig wie auf der dunklen Mondseite herumzufahren - kennt man ja. Mitten im Nirgendwo tauchte dann plötzlich ein Auto am Pistenrand auf. Es war eines der zwei ganzen Fahrzeuge, die wir seit Big Pine gesehen haben. Ein verschwitzter älterer Herr winkte mit den Armen. Sein linkes Vorderrad hatte sich stilecht verabschiedet und noch ein paar Verkleidungsteile mitgerissen. Er wollte wissen, ob wir in Richtung Stadt fahren und wollte uns schon wegschicken als wir verneinten. Ich glaube er hat seine Situation nicht so ganz verstanden! Sein Plan, das Rad am nächsten Tag (mit Ende 60 und „schlechtem Herz“) 5-6 Kilometer zur nächsten Kreuzung zu schleppen und in der Affenhitze auf ein Fahrzeug zu hoffen war jedenfalls nicht so der Brüller. Glücklicherweise hatte ich einen Klappspaten dabei, sodass wir schließlich ein Loch buddeln hacken konnten, um sein Ersatzrad zu montieren. Ein wenig Panzerband später konnten wir den sichtbar erleichterten Herrn schließlich zur Kreuzung eskortieren und er versprach uns, die Heimreise langsam anzutreten. Im Nachhinein gesehen waren wir hier wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nach einer kurzen Nacht irgendwo am Rand der Offroadpiste kamen wir gestern schließlich in den bekannteren, touristischeren Teil des Death Valleys. Es war ohne Zweifel der heißeste Tag meines Lebens - das Thermometer kratzte bereits um 10 Uhr an der 40°-Marke und kletterte zwei Stunden später auf ekelhafte 49°. In einem schwarzen Auto ohne Klimaanlage (wollte ich dem Wagen nicht antun) war das ein ganz besonderes Erlebnis! Mehr oder weniger im Schnelldurchlauf besuchten wir daher Badwater Basin (mit 86m unter dem Meeresspiegel tiefster Punkt der USA), fuhren den Artist Drive und stoppten am Zabriskie Point. Im ersten Örtchen Pahrump stürzten wir uns dann wie besessen aufs goldene M und gönnten uns Fast Food mit groooßer Cola.

Eben sind wir somit in Las Vegas angekommen! Hier werden wir uns für 1 oder 2 Nächte in ein Hostel einchecken und in das berühmte Nachtleben eintauchen. Wir sind beide ja keine große Fans vom Hostelleben und allem was damit zusammenhängt, aber für Las Vegas machen wir da mal eine Ausnahme. Ich werde berichten! Das war natürlich gelogen. Was in Vegas passiert bleibt in Vegas! Bis zum nächsten mal,

Gruß, der Hasenpädagoge und der Mottenflüsterer



P.S.: Der Mottenflüsterer schreibt auch nochmal ein wenig Blog. Wenn du unsere Abenteuer also nochmal aus einer anderen Perspektive erleben möchtest, schau mal hier vorbei.


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